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 Hier sitze ich im Lotus 49 R10, Jochen Rindts Wagen 1969, Tasman Series

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und hier im Lotus 49 R6, Rindts Wagen 1969/70 daneben Eddie Dennis

Foto: Glenda Gephart, Watkins Glen Library

  Meine Story:

Mein Name ist Erich Walitsch, wurde am 29. 3. 1959 in Wien geboren und wuchs zu einer Zeit auf, in der die Motorisierung ihren Aufschwung nahm. Erst in den 60iger Jahren wurde das  Auto zu einem bedeutenden Prestige- und Kultobjekt, als zu jener Zeit das Wirtschaftswachstum bedeutend groß und der Benzinpreis unbedeutend klein war.

Just zu jener Zeit schaffte Jochen Rindt als erster Österreicher das schier Unmögliche, er etablierte sich in der höchsten Liga des Automobilrennsports, der Formel 1, die damals von englischen Teams dominiert wurde. Die Geschichte des Jochen Rindt, die ich hier erzählen werde, wird auch ein Spiegel jener Zeit sein.

Die Frage, die man mir immer wieder stellt: “Woher nimmst du deine Ambitionen, alles über Jochen Rindt zu sammeln?” Es sind nur kleine, für Erwachsene oft nicht nachvollziehbare Erlebnisse in der Kindheit, die einen Menschen prägen und oft ein ganzes Leben bestimmen. Einige jener Erlebnisse möchte ich gerne anführen:

1. Erlebnis, meine 1. Klasse Volksschule und Rindts erste Formel 1 Saison 1965:

Jochen begann im Alter von 23 Jahren seine erste Formel -1 -Saison auf Cooper-Climax, ich im Alter von 6 Jahren mein erstes Schuljahr. Eines Tages, die Glocken läuteten zum Ende der Pause. Um mein Klassenzimmer rechtzeitig zu erreichen, musste ich erst einen langen Gang entlanglaufen, an dessen Ende eine 90-Grad-Ecke folgte. Als ich jene Ecke, sozusagen auf der Ideallinie und an der Rutschgrenze meiner Schuhe durchlief, war mir plötzlich meine Frau Lehrerin im Weg, die sich ebenfalls gerade in Richtung Klassenzimmer begab. Meine verzweifelten Bremsversuche und Ausweichmanöver endeten aber recht spektakulär in einer Mauer. Ich dürfte mich auch noch ein Mal überschlagen haben, jedenfalls kam ich, am Rücken liegend  wie ein Maikäfer, direkt vor ihren Füßen zu liegen. Sie sah mich von oben herab strafend an und sagte mit erhobenem Zeigefinger zu mir: “Musst du denn so wild sein, oder glaubst du vielleicht, du bist der Jochen Rindt?!”

Was! Wie? Wer? “JOCHEN RINDT” ?? Den Namen hatte ich noch nie gehört! Ja, wer ist denn das und was macht der denn? Ich wusste es einfach nicht. Zu fragen traute ich mich aber auch nicht, schließlich hatte ich irgendwie das Gefühl, dass man es wissen sollte,wer dieser Jochen Rindt war
 

                                                    

 

2. Erlebnis, Brands Hatch 1966:

In der Zwischenzeit des Lesens mächtig, entdeckte ich in einer Zeitung jenes Foto, das unterhalb zu sehen ist. Ein Gesicht mit einer krummen Nase,  einem verwegenen Lächeln, einem Lorbeerkranz um den Hals und einem riesigen Pokal in der Hand. Daneben stand geschrieben: “Jochen Rindt siegte in Brands Hatch”. Daneben war noch ein kleines Foto seines Formel -2-Rennwagens zu sehen, als er gerade über die Ziellinie fuhr. Unfassbar war für mich jedoch, dass er in einem Auto ohne Kotflügel saß ....!! Ganz anders als der VW Käfer meines Vaters.

 

Aber schließlich hatte ich die Antwort auf die Frage, die mich seit dem Vorfall mit meiner Frau Lehrerin beschäftigte. Und ich dachte mir nur: “ WOW, dieser Jochen Rindt ist aber eine außergewöhnliche Erscheinung! “ Und mir lief es erstmals kalt über den Rücken. Seine Körpersprache und sein Gesichtsausdruck faszinierten mich. Es war jener Ausdruck der Furchtlosigkeit und Unbekümmertheit, der mich sofort in seinen Bann zog. Ich starrte dieses Foto sehr lange wie elektrisiert an.

 


                                                          

 

3. Erlebnis, Monza 1967:

Mein erstes, bewusst erlebtes Autorennen im Fernsehen. Es war der Grand Prix von Italien in Monza. Ich konnte ganz einfach nicht begreifen, was ich da sah. Diese komischen zigarrenförmigen Autos mit den weit abstehenden Rädern. Die damaligen Fernsehbilder verzerrten diese Optik auch noch ins Irrwitzige. Man konnte die Gefährlichkeit dieses Sportes direkt erahnen. Heinz Prüllers Hang zur Dramaturgie tat ja damals schon sein Übriges. Namen wie Brabham, Hill, Clark, Stewart, McLaren, Hulme  u.s.w. fielen und brannten sich unauslöschlich in mein Gedächtnis ein.

Von da an keimte mein  Wunsch, Jochen Rindt und seine Autos einmal irgendwo persönlich zu sehen. Es hätte da die Möglichkeit gegeben zu einem Rennen zu gehen. Wien - Aspern z.B. war nur wenige Kilometer von meinem Elternhaus entfernt, man konnte sogar das Brüllen der Motoren deutlich hören. “Hörst du den Lärm?”, fragte mich unser Nachbar, “der Jochen Rindt fährt dort heute!” Wo dort? Und er zeigte mit seinem Arm in die Richtung, aus der der Motorenlärm kam, Wien-Aspern, nur 10 km Luftlinie war für einen 8-jährigen Buben weiter weg als der Mond. Mir war ganz elend zumute.

Eine weitere Möglichkeit wäre noch gewesen, auf die Jochen- Rindt -Show im Wiener Messepalast zu gehen, leider wurde mir auch dieser Wunsch nicht erfüllt, mein Vater wusste nicht einmal, wo sich der Messepalast befand. Wahrscheinlich noch weiter weg als der Mond. Ich tröstete mich halt damit, dass ich mir diesen Wunsch später, wenn ich älter war, selbst erfüllen würde.

 

                                                    


 

4. Erlebnis, Barcelona 4. Mai 1969:

Ich saß mit meinen Eltern beim Mittagstisch, während im Fernsehen der Grand Prix von Spanien aus Barcelona gezeigt wurde. Plötzlich gab es große Aufregung. Heinz Prüllers Stimme begann sich aufgeregt zu überschlagen, ein Unfall war passiert und Jochen Rindt war daran beteiligt. Ich sprang vom Mittagstisch auf und lief ins Wohnzimmer, wo der Fernseher stand, um das ganze Geschehen zu verfolgen. Es war furchtbar. Überall lagen die Trümmer des Wagens herum, und als man das Wrack ins Bild brachte, musste man mit  dem Allerschlimmsten rechnen. Er erlitt Gott sei Dank “nur” einen Nasenbeinbruch und eine Gehirnerschütterung. Von den Ereignissen war ich so betroffen, dass ich nichts mehr essen konnte. Meine Mutter nahm es mir ziemlich übel, fehlte ihr doch jedes Verständnis für die Aufregung um einen Rennfahrer, der ja selber schuld ist, wenn er sich in Gefahr bringt!



                                                    

                                    


5. Erlebnis, Monaco 10. Mai 1970:

Es sollte ein ganz normaler Grand Prix von Monaco werden. Nichts deutete darauf hin, dass jenes Rennen als eines der dramatischsten in die Geschichte der Formel 1 eingehen würde. Der neue Lotus 72 musste erst von seinen Kinderkrankheiten  befreit werden, sodass Rindt mit dem alten, schon etwas betagten Lotus 49 seine Runden drehen musste. Lustlos fuhr er im Training, atypisch für Jochen, ohne Antrieb, da er dachte, dass mit diesem Auto das Rennen nicht zu gewinnen sei. Das Resultat war daher auch nur der achte Startplatz. Sein Freund Ecclestone beschwor Jochen, das Rennen zu Ende zu fahren, denn in Monaco weiß man nie, was im Rennen passiert. Da Jochen die Nacht auf Sonntag auf einer Jacht verbracht hatte, auf der ihm wegen hohen Wellengangs schlecht wurde, war seine Laune nicht gerade als gut zu bezeichnen. ”Lasst’s mich doch alle in Ruhe!”, herrschte er die Leute um sich an.

Nach dem Start reihte sich Jochen an der achten oder neunten Position ein und spulte seine Runden einfach nur herunter. Später wird er berichten, dass seine Bremsen am Anfang des Rennens nicht richtig funktionierten und allein dadurch hätte er gar nicht schneller fahren können. So ab der Mitte des Rennens, als sich die Tanks langsam leerten, arbeiteten die Bremsen auch wieder besser. Plötzlich begann sich eine eigenartige Spannung aufzubauen, die zu dem Zeitpunkt noch keiner so richtig deuten konnte.

In Runde 35 fiel Stewart wegen Zündungsproblemen aus, und auf ein Mal bremste Rindt den vor ihm fahrenden Matra von Pescarolo in der Gasometerkurve spektakulär aus und machte gleich Jagd auf Denny Hulme, den er nach weiteren fünf Runden überholte. Diejenigen, die dieses Szenario selbst miterlebten, dachten vorerst nur: Na hallo! Was ist denn jetzt auf ein- mal los?

Nach Rindts ersten Attacken waren nur noch Chris Amon auf Matra und Jack Brabham vor ihm und es war Halbzeit. Durch falsche Boxensignale angespornt (die Zeitabstände zu Amon wurden weit geringer angezeigt, als sie tatsächlich waren und hatten auch den Zweck, den Amon zu demoralisieren), kam er Amon näher und näher. Doch 20 Runden vor Schluss fiel Amon durch technischen Defekt aus und Rindt übernahm kampflos den zweiten Platz mit einem Rückstand von 15 Sekunden auf Brabham. 15 Sekunden 20 Runden vor Schluss, das ist in Monaco eine Ewigkeit. Doch Rindt roch die Chance und drückte auf’s Tempo und der Abstand schrumpfte und schrumpfte. In manchen Runden machte er bis zu 3 Sekunden gut. In der drittletzten Runde hatte er Brabham das erste Mal in Sichtweite. “Das war, wie wenn man einem Esel eine Karotte vor’s Gesicht hält”, sagte Rindt nach dem Rennen.

Die Spannung daheim vor dem Fernseher wurde nun unerträglich. Alle Onkel und Tanten, die an jenem Tag bei uns auf Besuch waren und sich eigentlich gar nicht für Motorsport und den Rindt interessierten, starrten gespannt in den Fernseher und die Kaffeegespräche wurden jäh unterbrochen, um das Geschehen zu verfolgen. Man sah, dass Rindt am äußersten Limit fuhr. Die Einlage, als er quer durch die Casino-Kurve über die zwei Bodenwellen runter zur Mirabeau fuhr, wurde im Fernsehen mehrmals in Zeitlupe wiederholt. Die letzte Runde wurde teilweise vom Hubschrauber aus gezeigt. Hinein in den Tunnel, nur noch zwanzig Meter voneinander getrennt, jagte Rindt Jack Brabham vor sich her. Nur noch eine Linkskurve mit Vollgas am Hafen (dort, wo heute um das Schwimmbad herum gefahren wird)  und die darauffolgende Haarnadelkurve vor dem Ziel, trennten Brabham vom Sieg.

Aber Brabham wollte noch vor der Haarnadel an den beiden bereits überrundeten Courage und Peterson vorbei, die relativ langsam an der linken Leitplanke entlang fuhren, um sich aus der Schusslinie zu halten. Mit einem Irrsinnstempo überholte er die beiden rechter Hand, dort, wo die Fahrbahn aber durch Staub und Gummiabrieb bereits ziemlich verdreckt war. Brabham konnte diesen Geschwindigkeitsüberschuss nicht mehr rechtzeitig abbremsen, die Vorderräder seines Brabham hatte er nach rechts eingeschlagen, aber sie blockierten und waren daher wirkungslos. So schlitterte der Wagen geradeaus in die, mit Strohballen abgesichterte Leitplanke. Rindt, mit einem kurzen Blick rüber zu Brabham, fuhr innen wie ein Fahrschüler vorbei in Richtung Ziel.

Der Rennleiter, der ja Jack Brabham als Sieger erwartete, war so verblüfft, als Rindt als Erster über die Zielline fuhr, dass er weiter die karierte Flagge oben behielt. Als dann Brabham mit seinem verbeulten Wagen durchfuhr, blieb die Flagge wieder oben ....

Die letzte Runde Rindts, in einer Zeit von 1:23,2, war um 2,7 Sekunden schneller als sein achter Platz im Training und um 0,8 Sekunden schneller als Stewarts Pole-Position und bedeutete nebenbei auch noch neuen Rundenrekord! Und das auf durch 80 Runden Pulverdampf verdreckter und ölverschmierter Fahrbahn!



                                                         Jochen through Casino kl

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letztes Erlebnis, Monza 5. September 1970:

Mein größter Wunsch, Jochen Rindt persönlich die Hand zu reichen, zerschellte an jenem Tag an der Leitplanke der Anbremszone zur Parabolica, beim Training zum Großen Preis von Italien in Monza.




                          
                                                      



Es wird angenommen, dass eine gebrochene Bremswelle den Unfall auslöste. Die genaue Unfallursache wird wohl nie mehr restlos geklärt werden können und würde an der Tatsache auch nichts ändern. Das  Schicksal war gegen ihn. Ein trauriger Tag für alle, die ihm nahe standen und die ihn mochten. Eine ganze Nation war vom Geschehen wie gelähmt. Vergleichbar etwa mit dem Attentat auf John F. Kennedy. Jeder, der die Todesnachricht erfuhr, kann sich heute noch immer genau erinnern, wo er gerade war und was er zu dem Zeitpunkt  tat. Das Begräbnis am Grazer Zentralfriedhof am 11. September 1970 wurde zum Staatstrauerakt, das vom Fernsehen in voller Länge live übertragen wurde.

Ich aber verlor einen (imaginären) Freund, den ich leider nie persönlich kennen lernen durfte. Um diesen menschlichen Verlust irgendwie zu kompensieren, begann ich konsequent alles über Jochen Rindt zu sammeln. Ich wollte einfach alles über ihn erfahren, wollte wissen, was für ein Mensch er war und wie er seinen Weg als Rennfahrer erlebte.

Trotz all der Bemühungen, trotz der vielen Gespräche mit seinen Freunden, Weggefährten und Zeitzeugen, trotz der lieben Unterstützung durch Nina Rindt, wird es mir nie ganz gelingen. Aber ich möchte mich an der Stelle bei all jenen bedanken, die mir dabei geholfen haben.




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