Wie sind Sie Rennfahrer geworden, Herr Rindt?


Diese Frage stellte man ihm sehr oft, und er hat sie so beantwortet:

"Eigentlich bin ich in die ganze Sache reingeschlittert. Da ich schon immer gerne schnell mit dem Auto gefahren bin, wurde mir von Bekannten und Freunden geraten, abseits öffentlicher Strassen schnell Auto zu fahren. Was auch viel sicherer sei, da einem niemand entgegen kommen kann, war ein Argument. Das habe ich dann auch gemacht. Zuerst habe ich an kleineren Veranstaltungen  teilgenommen, bis ich mich an mein erstes Rundstreckenrennen wagte".

Aber diese Erklärung reicht noch nicht aus, um die Frage ganz beantworten zu können. Lassen Sie mich die Zeit noch ein wenig zurückdrehen, nämlich in seine früheste Kindheit, als Jochen zur Volksschule ging.

Seine einstige Lehrerin aus der Nibelungenschule in Graz, Frau Zeller, erinnert sich, wie Jochen eines Tages mit einem hölzernen Tretroller in die Schule kam. Im Neudeutsch von heute würde man “Scooter” dazu sagen. In der Nachkriegszeit von damals war das in etwa so, als würde heute ein Volksschüler mit dem Hubschrauber zur Schule kommen.

Frau Zeller erzählt weiter, dass Jochen mit dem Tretroller bergab und mit hoher Geschwindigkeit zwischen den Leuten hindurchwedelte, dazu mit einem Bein noch kräftig Gas gebend, ohne jemanden umzufahren. Trotzdem stellte sie ihn zur Rede und meinte, er möge nicht so schnell fahren, er würde sich und andere damit gefährden. Seine entwaffnende Antwort: "Aber ich bin ja gar nicht schnell gefahren!" Er muss wohl damals schon ein außergewöhnlich gutes Gefühl für Geschwindigkeit gepaart mit ungewöhnlichen Reflexen besessen haben, sonst wäre das wohl nicht glimpflich ausgegangen, ist sie heute noch überzeugt.

 

                                         Schulfoto
                                         Foto aus der Nibelungenschule zeigt Frau Lehrer Zeller mit ihrer Klasse.                                                                               Wo ist Klein-Jochen? Auflösung am Ende der Seite


Einige Jahre später machte er dann gemeinsam mit seinen Grazer Freunden die Gegend rund um sein Wohnhaus am Ruckerlberggürtel unsicher. Mit auffrisierten Mopeds, Jochen hatte eine sog. Lohner “Sissy” (Bild unten), wurden die wildesten Verfolgungsjagden durch Graz veranstaltet. Die Polizei war bei seinen Großeltern Dauergast, und so manchem Mädchen wurde der Umgang mit dieser Horde von Wilden von deren Eltern schlichtweg untersagt.

 
       Strafzettel2                      
       Eine seiner Anzeigen aus 1958, weil er mit seiner einsitzigen
         Lohner “Sissy” zu zweit und zu schnell unterwegs war.

 

               Jochen Rindt Haus 2                                 g_rindt



                     Ruckerlberggürtel 1604                                                         Gedenktafel 404
                     Am 5. September 2000 hat Nina Rindt, gemeinsam mit Tochter Natasha, am Eingang des
                     Hauses seiner Großeltern, am Ruckerlberggürtel 16, eine Gedenktafel enthüllt, die an jene Zeit
                     erinnern soll, in der Jochen in jenem Haus aufwuchs
.
              

Die Kollision mit seinem Chemielehrer beendet vorerst die schulische Karriere am Lichtenfels-Gymnasium. Auch das Pestalozzi-Gymnasium hielt ihn nicht lange. Somit wurde er von seinen Großeltern als Austauschstudent nach England geschickt - um wenigstens Englisch zu lernen.

Mit achtzehn machte er seinen Führerschein. Da er sich kurz vorher den Fuß gebrochen hatte, schickte man einen alten Volkswagen samt Chauffeur aus der Gewürzmühle in Mainz. Der Chauffeur wurde wieder nach Hause geschickt, denn Jochen fuhr lieber selber, trotz Gipsfuß.

Mit diesem alten Käfer wurde quasi Geschichte geschrieben. Jochen und seine Kumpane verstanden es meisterhaft Wettbewerbe zu erfinden, wobei Jochen immer der Rädelsführer war. Z.B. durfte derjenige, der gerade am Lenkrad saß, solange fahren, bis er einen Fehler machte. Vorgabe war, dass bei höchster Drehzahl geschalten und jede Kurve mit Höchstgeschwindigkeit durchfahren werden musste. Wenn sich einer verbremste, verschaltete oder von den Mitfahrenden ein anderer Fehler entdeckt wurde, musste der Nächste sein Können unter Beweis stellen.

Kurze Zeit später bekam Jochen einen Simca-Montlhery von seinen Großeltern zur Matura geschenkt. Mit diesem Auto wurden private Rennen auf öffentlichen Straßen veranstaltet und dabei die Straße zwischen Bruck und Graz zur Teststrecke auserkoren. Wie schnell die Burschen da gefahren sein mussten, kann man sich nur schwer vorstellen. Viele Jahre später wird Helmut Marko berichten, dass er mit wesentlich schnelleren Autos und auf viel besser ausgebauten Straßen, die Zeiten von damals nicht mehr habe erreichen können .......!

Jochens damalige Freundin erinnert sich, dass Jochen immer auf zwei Rädern durch die Kurven gefahren ist und ihr dabei oft beinahe das Herz stehen blieb. Aber es ist nie was passiert, er hatte das Auto sehr gut im Griff.

Mit diesem Simca wurden im Winter Rennen mit einer Rodel veranstaltet. Die Regeln waren ganz simpel. Wer am schnellsten  fuhr und wer sich am längsten auf der Rodel halten konnte, war Sieger. Auf dem Parkplatz der Kitzbüheler Hornbahn veranstalteten sie ein Skijöring, bis Jochen einen Schneepflug übersah und der Simca dabei übel zugerichtet wurde.

Im selben Jahr, es war 1961, fuhren Jochen Rindt und Helmut Marko auf Maturareise zum Grand Prix von Deutschland auf dem Nürburgring. Dabei kam es, dass Jochen sein Geld zu Hause liegen ließ. Kurzerhand sind sie zu seiner Gewürzmühle nach Mainz gefahren, wo sie den Nachtportier aufweckten, um ihn um Geld anzupumpen.  Er ließ die "Fremden" aber nicht hinein. Jochen meinte protestierend: "Hearn´s, mochn´s kan Bledsinn, die Fabrik g´hört jo mir!" Dann wurde die Sekretärin ebenfalls noch aus dem Schlaf gerissen, die dann mit etwas Geld aushalf.

Nach etwa 14 Stunden Fahrt am Nürburgring angekommen, todmüde von den Anstrengungen, legten sich die beiden am Streckenabschnitt Schwalbenschwanz schlafen. Am nächsten Morgen wurden sie durch lautes Motorengeräusch aufgeweckt. Sie beobachteten die Ferraris von Graf Berghe von Trips und Phil Hill, als Jochen seinen spontanen Entschluss bekannt gab: "Genau das will ich auch machen, i werd´ a Rennfahrer!"

Helmut Marko deutet das schlicht als "die Initialzündung" für Jochens Karriere.

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr vom Nürburgring meldete sich Jochen Rindt bei einem Fahrlehrgang in Kottingbrunn an, um sich für seine erste Rallye, der “Steirischen Berglandfahrt”, gut vorzubereiten. Danach hatte Ossi Vogl den Simca Montlhery noch etwas frisiert und Jochen fuhr damit nach Innsbruck, zum Flugplatzrennen im Ortsteil Kranebitten.

Angekündigt wurde Rindt zwar durch Ossi Vogl höchstpersönlich, angereist kam er mit einem violettfarbigen Hemd und statt mit Schnürsenkeln hatte er mit einem Spagat seine Schuhe gebunden, und da er ja keine Fahrerlizenz besaß, musste er erst den, über das Erscheinungsbild des Jochen Rindt sichtlich irritierten Rennleiter Udo Pöschmann überreden, ihn doch mitfahren zu lassen. Dieser stellte ihm dann doch eine, nur für jenes Rennen gültige Fahrerlizenz aus. Was zur Folge hatte, dass er ihn schon nach wenigen Runden herauswinken musste, um ihn wegen zu wilden und unfairen Fahrens zu verwarnen. Was natürlich überhaupt keinen Einfluss auf seine Fahrweise haben sollte!

Der Grundstein für seine Rennfahrerlaufbahn war jedoch damit gelegt, und was ganz typisch für die gesamte Karriere des Jochen Rindt sein wird, schnell steckte er sich neue und höhere Ziele. Auf die nächste Saison, 1962, bestritten mit einem Alfa Romeo TI, folgte 1963 ein Jahr Formel Junior, 1964, auf seinem eigenen Formel -2 -Rennwagen, fuhr er sich bereits ins Rampenlicht der Öffentlichkeit mit seinem Sieg in Crystal Palace im Süden von London, dem Mekka des Britischen Motorsports, wo er respektlos internationalen Starpiloten mit den ehrenwertesten Titeln um die Ohren fuhr. Die britische Presse war konsterniert (“Unbekannter Australier schlug Hill”, schrieben sie), und gleichzeitig hatte die Motorsportwelt einen Star mehr, der die Herzen des Publikums im Sturm eroberte.

 

            
                   Der erste Weg führte ihn aber zu einem Fahrerlehrgang nach Kottinbrunn südlich von Wien

 

                                    
                                                               danach zur Steirischen Berglandfahrt 1961


                                         Wo ist Klein-Jochen? Er sitzt  in der ersten Reihe als zweiter von links